Transkribierter Radiobeitrag „Engagiert“ vom 15.12.2025
Offener Kanal Lübeck | Lübeck FM
Ein Interview mit Inge Schlüter, Ronja Sommer, Katrin Schiller und Julius Hümpel zum Jugendhaus Kaltenkirchen und dem Queer-Treff
Inge:
Engagiert für Lübeck FM. Vereine, Institutionen, Gruppen, Kollektive, Clubs, Gemeinschaften, Verbände und Communities in und um Lübeck. Engagiert jeden zweiten Donnerstag im Monat um 16 Uhr bei Lübeck FM. Seit 2012 gibt es die 1000 Füßler Stiftung in Kaltenkirchen. Vorausgegangen sind aber schon viele Jahre und viele familien- und menschenfreundliche Projekte im Namen des 1992 gegründeten 1000 Füßler Kinder- und Familiengarten Kaltenkirchen e.V. Ein Angebot dieser Stiftung ist das Jugendhaus und wiederum dieses Jugendhaus bietet seit kurzem ein Queer Treff an. Ein Platz zum Austausch und für Aktivitäten mit anderen jungen Menschen, die sich der LGBTQIA-Plus-Community zugehörig fühlen. Auch wenn ich es immer noch ausspreche wie ein Zungenbrecher, so ist es mir eine Herzensangelegenheit, genau dieses Angebot ins Scheinwerferlicht zu rücken. Frei nach dem Motto, leben und leben lassen, lieben und lieben lassen. Mein Name ist Inge Schlüter, ich stelle hier nur die Fragen und bin für den Inhalt verantwortlich. Zu mir ins Studio gekommen sind heute Ronja Sommer, sie ist Teamleiterin des Jugendhauses in Kaltenkirchen. Hallo liebe Ronja.
Ronja:
Hallo Inge, schön, dass ich da sein darf.
Inge:
Sehr gerne. Wir haben Katrin Schiller hier als pädagogische Mitarbeiterin und Queerbeauftragte. Hallo Katrin.
Kaddy:
Hallo Inge, danke, dass wir hier sein dürfen.
Inge:
Gerne. Und wir haben last but not least Julius Hümpel hier. Er ist ein engagierter Jugendhaus und Queer Treff-Besucher. Moin Julius.
Julius:
Ja, hi.
Inge:
Hi. So, bevor wir aber mehr über das Jugendhaus und den Queer-Treff erfahren, hören wir erst mal Musik. Zurück bei Engagiert.
Ich habe heute drei Personen aus dem Jugendhaus Kaltenkirchen bei mir. Ronja, erzähl du doch mal zuerst, du bist die Teamleiterin des Jugendhauses und mich interessiert erstmal dein ganz persönlicher Weg zur Teamleitung des Jugendhauses.
Ronja:
Ja, also ich habe Sozialpädagogik und Management studiert, dual, und habe quasi während meines Studiums in einer Wohngruppe gearbeitet mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen und hatte eigentlich immer das Ziel, in die Schulsozialarbeit zu gehen. Und das habe ich auch gemacht für drei Jahre, bin aber so ein bisschen an meine persönlichen Grenzen gestoßen, weil mir die Arbeit nicht tief genug war. Also ich wollte einfach noch ein bisschen mehr. Und bei Kindern in der Grundschule, die sind ja dann zehn in der vierten Klasse, ist halt irgendwann Schluss, was so die Arbeit, die pädagogische Arbeit angeht. Und bin dann in die offene Kinder- und Jugendarbeit gerutscht und habe ein gutes Jahr in der offenen Kinder- und Jugendarbeit in Pinneberg gearbeitet, musste dann, notgedrungen, die Interimsleitung übernehmen und hab dann gesagt, ich würde das total gerne dauerhaft machen und hab mich dann umgeguckt und bin in Kaltenkirchen gelandet.
Inge:
Interimsleitung, was verbirgt sich dahinter?
Ronja:
Quasi die Leitungsposition war nicht besetzt und ich war die einzige pädagogische Mitarbeiterin, die das machen konnte. Dementsprechend war ich so eine zwischengeschaltete Leitung, bis die Stelle neu besetzt war.
Inge:
Wie breit gefächert ist denn das Angebot bei euch im Jugendhaus?
Ronja:
Also ich würde sagen, wir haben eigentlich von allem etwas und gucken auch, dass das die Angebote sind, die die Jugendlichen gerne hätten. Also wir sind vor allem im musikalischen Bereich auch breit aufgestellt. Wir haben ein Tonstudio, einen Band Raum und auch jemanden, der uns als Honorarkraft unterstützt. Das heißt, der ist Produzent und zeigt den Jugendlichen, wie ein Song produziert wird. Die dürfen alles aufnehmen selber, also dürfen die Instrumente selber einspielen, wenn sie das können, schreiben die Texte selber. Genau, das ist der eine große Bereich. Dann würde ich sagen, sind wir auch so ein bisschen im künstlerischen Bereich unterwegs. Wir haben eine Graffiti-Wand hinter dem Haus, wo legal gesprüht werden darf. Und dann würde ich aber sagen, dass unser Hauptaugenmerk oder unser Herzstück unser offener Bereich ist. Das heißt, wir sind einfach da. Wir machen das Haus auf und jeder, der kommen möchte, darf kommen und das nutzen, was halt bei uns im Haus zur Verfügung steht. Das kann die Playstation sein, das kann der Sportraum sein, das kann unsere Fahrradwerkstatt sein oder man kommt einfach rein und entspannt sich einfach ein bisschen, genießt die Zeit mit seinen Freunden.
Inge:
Wann habt ihr denn auf am Tag oder welche Tage, welche Uhrzeiten sind das?
Ronja:
Also aktuell zum jetzigen Zeitpunkt sind wir von Montag bis Freitag im Haus und den klassischen offenen Bereich gibt es Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag in der Zeit von 13 bis 19 oder 13 bis 18 Uhr. Der Mittwoch ist unser Projekttag, da haben wir quasi nicht diese Möglichkeit, dass jeder einfach reinkommen kann und alles frei nutzen darf, sondern die müssen sich einem Projekt zuordnen. Das ist auch der Tag, wo unser Queer Treff stattfindet, aber auch unsere Fahrradwerkstatt, die wir in Kooperation mit der aufsuchenden Jugendarbeit in Kaltenkirchen machen, unserem Streetworker. Dann gibt es verschiedene Angebote, die die Jugendlichen wählen können und die Altersspanne von Jugendlichen, die das Haus besuchen dürfen, beträgt 14 bis 27.
Inge:
Wow, das ist eine große Spanne, schön, klasse. Du hattest eben schon erwähnt, den Queer-Treff. Das ist ja auch heute unser Hauptthema, sage ich. Darauf möchte ich das Haupt Augenmerk legen. Für mich ist interessant, wer oder was gab den Impuls zu diesem Queer-Treff?
Ronja:
Die Jugendlichen. Bevor Kaddy bei uns angefangen hat zu arbeiten, gab es so eine Gruppe von Jugendlichen, ich glaube es waren vier oder fünf, die sich das gewünscht haben, weil es das in unserer Region einfach noch nicht gab. Und dann hat das ein Mitarbeiter von uns, Hütte, der jetzt auch unser Streetworker ist inzwischen, hat das angeschoben und dann, wie der Zufall es wollte, flatterte eine Nachricht bei mir rein. Kaddy hat zu dem Zeitpunkt noch im Hort gearbeitet und hat gesagt, ich bin Profi in dem Gebiet, sozusagen auf dem Gebiet, kann ich euch nicht unterstützen in dem Bereich. Und dadurch ist das dann größer geworden und ich will jetzt nicht sagen professioneller, aber wir hatten dann jemanden an der Hand, der auch das Wissen hat, was wir uns vorher halt selbstständig erarbeitet haben. Und jetzt, ich sage immer ganz lieb, dass Kaddi irgendwie unser wandelndes Lexikon ist, was das angeht. Die weiß eigentlich alles.
Inge:
Alles zu dem Thema Queer sein oder was meinst du damit?
Ronja:
Ja, genau. Kaddy muss es vielleicht selber sagen, weil ich sage es immer falsch.
Inge:
Ja, die kommt auf jeden Fall noch zu Wort. Oder möchtest du es jetzt gleich übernehmen oder gleich korrigieren, wenn Ronja sich verspricht?
Ronja:
Korrigiere mich. Kaddy hat Geschlechterforschung studiert und kommt ursprünglich gar nicht aus dem pädagogischen Bereich, aber hat halt das komplette Grundwissen, was zu diesem großen Themenblock einfach gehört. Und hat bei uns im Haus auch ganz viel Veränderung mitgebracht. Also ich würde sagen, wir waren schon immer sensibilisiert in die Richtung, aber wir waren halt auch nicht gut aufgestellt. Also mit dem Start von Kaddi gibt es bei uns jetzt zum Beispiel auch Toiletten, dass wir nicht mehr sagen, wir haben Männer- und Frauentoiletten, sondern wir haben eine Flinta*toilette. Also wir gucken, dass wir genderneutral sprechen, dass wir unsere Homepage ein bisschen anders aufgesetzt haben. Wir haben unser Konzept der Sprache auch ein bisschen angepasst und sind einfach alle ein bisschen sensibler im Umgang auch und offener, würde ich sagen.
Inge:
Schön. Danke schon mal dafür, Ronja. Wie offen siehst du den Standort Kaltenkirchen für dieses Thema?
Ronja:
Das ist eine gute Frage. Ich würde sagen, grundsätzlich offen sind viele, aber es gibt auch immer noch viele Menschen, die dem Thema einfach nicht so offen entgegentreten. Und ich finde, das ist unsere Aufgabe, weshalb wir das auch machen, dass wenn wir nicht mit einem guten Beispiel vorangehen und das der Jugend auch präsentieren und sagen, jede*r ist hier willkommen und jede*r darf hier sein, wie er*sie möchte und jede*r darf lieben, wen er*sie möchte, dann macht das keine*r. Deshalb versuchen wir eigentlich beispielhaft voranzugehen und das so normal in Anführungsstrichen werden zu lassen, dass jeder das auch akzeptiert.
Inge:
Katrin ist ja unsere Fachfrau, das haben wir eben schon von Ronja gehört und wir werden der Fachfrau gleich mal ein bisschen auf den Zahn fühlen. Vorher ein bisschen Musik.
Infobox:
Infobox eins von zwei. LGBTQIA plus oder LSBTQIA plus und ich spreche es gern auch mal auf deutsch aus für unsere Hörer und Hörerinnen, die eben nicht mit Englisch in der Schule groß wurden. LGBTQIA plus.
Das steht für L wie lesbisch*, Frauen*, die sich zu Frauen* hingezogen fühlen. G wie gay, was zu deutsch schwul* heißt, deswegen eben auch das S an anderer Stelle für schwul*. Männer*, die sich zu Männern hingezogen fühlen.
B wie bisexuell, Personen, die sich zu mehr als einem Geschlecht hingezogen fühlen. T wie trans*gender, Personen, deren Geschlechtsidentität nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. Das Sternchen, so hinter dem Wort trans*, das wird oft als Platzhalter verwendet, um die Vielfalt innerhalb der trans*Gemeinschaft zu repräsentieren.
Q wie queer, ein Oberbegriff, der sich auf Menschen bezieht, die sich nicht mit dem heteronormativen oder binären Geschlechterkategorien identifizieren. I wie intergeschlechtlich, Personen, die mit körperlichen oder biologischen Merkmalen geboren werden, die nicht in die typischen Definitionen von männlichen oder weiblichen Körpern passen. A wie asexuell, aromantisch oder auch ageschlechtlich.
Asexuell steht zum Beispiel für wenig oder keine sexuelle Anziehung zu anderen Menschen verspürend. Aromantisch, wenig oder keine romantische Anziehung zu anderen Menschen zu spüren. Ageschlechtlich, Menschen, die sich mit keinem Geschlecht identifizieren.
Das Plus am Ende. Der Pluspunkt präsentiert alle anderen sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten, die nicht in der Abkürzung enthalten sind, wie z.B. pan oder zweigeschlechtlich.
Inge:
Zurück bei Engagiert.
Ich habe heute die Informationen zum Queer-Treff im Jugendhaus Kaltenkirchen bei mir. Drei Leute sind bei mir im Studio. Ronja Sommer, Katrin Schiller und Julius Hümpel.
Eben hatte es Ronja schon erwähnt. Katrin ist die Queerbeauftragte und somit auch die Fachfrau zu diesem Thema. Katrin, mich interessiert jetzt einmal noch mal ganz vorneweg auch dein persönlicher Weg zur Queerbeauftragten im Jugendhaus.
Kaddy:
Genau, wie Ronja schon gesagt hat, habe ich Geschlechterforschung und Kulturanthropologie studiert. Und ich wollte gern in die queere Jugendarbeit gehen, wusste aber, ich habe es so ein bisschen versäumt, Pädagogik zu studieren und habe dann meinen Weg in den Hort gefunden, auch beim Tausendfüßler. Und da bin ich dann über den Queer-Treff gestolpert, der da neu ins Leben gerufen wurde. Und dann dachte ich, okay, das ist meine Chance. Da habe ich Lust drauf und ich schreibe da einfach mal hin. Genau, und dann haben die mich also für gut befunden und dann durfte ich anfangen sozusagen.
Inge:
Das heißt, da bist du jetzt genau mit dem, was du studiert hast, mit dem Wissen und mit dieser Leidenschaft für dieses Thema bist du eigentlich genau jetzt dort eingesetzt, wo du genau das Umsetzen einbringen kannst. Sehe ich das so?
Kaddy:
Ungefähr, ja. Also das Studium ist natürlich ein bisschen breit gefächert. Also man spricht da über soziale Strukturen, über Geschlechterrollen, was ist Geschlecht eigentlich überhaupt. Aber da ich selber queer bin und da schon so ein bisschen sensibilisiert für bin, ja, habe ich da einfach einen ganz anderen Blick drauf und stecke ganz anders in der Thematik drin. Und mir war es einfach wichtig, dieses Thema jungen Menschen näher zu bringen, weil ich selber früher nie die Möglichkeit hatte, da irgendwie mit anderen Menschen, die schon Erfahrung darin haben, in Austausch zu gehen.
Inge:
Du hast eben selber gesagt, das siehst du als deine Aufgabe. Und ich habe auch gedacht, jemand, der beauftragt ist für etwas, da steckt ja schon das Wort Auftrag drin. Wie würdest du diesen Auftrag formulieren und wie lässt er sich erfüllen?
Kaddy:
Das ist schwierig. Also ich glaube, wichtig ist einfach, dass man da, ja, mit einem Herzen mit dabei ist und versucht, okay, ich möchte irgendwie das, was ich weiß, möchte ich gerne weiterbringen. Also wir haben auch einen Insta-Kanal, der ein bisschen Aufklärung betreibt. Also sämtliche Begriffe, die es im Bereich Queer gibt, werden dort erklärt. Ja, und sich einfach den Jugendlichen anzunehmen und dort zuzuhören, aber auch einfach das, was man selber weiß mitzugeben und aufzuklären.
Inge:
Was mich noch interessiert, Katrin, hast du das Gefühl, dass ihr genug Rückenwind von der Politik habt bei dem Thema?
Kaddy:
Spannende Frage. Grundsätzlich sind wir ja als Jugendhaus so aufgestellt, dass wir bedürfnisorientiert sind und schauen, was wollen die Jugendlichen. Da nimmt die Politik so in dem Sinne erstmal keinen Einfluss auf unser Handeln im Haus. Das ist unser großes Glück, würde ich einfach mal behaupten.
Inge:
Und so grundsätzlich, wenn du aus eurem Haus raustrittst, wie siehst du das da?
Kaddy:
Also Kaltenkirchen ist da, glaube ich, wie Ronja schon gesagt hat, relativ zwiegespalten. Also wir haben auch viele unterschiedliche Kulturen in Kaltenkirchen und auch bei uns im Haus hängen viele Fahnen aus, also Regenbogenfahnen zum Beispiel. Und dann kommt immer die Frage, ja, ist das nicht die Fahne der … und das geht ja gar nicht. Und wir sind immer dabei, wirklich uns die Zeit zu nehmen und aufzuklären und zu sagen, hey, guck mal, das ist eigentlich was ganz Normales und das gehört mit dazu. Und die sind hier alle akzeptiert und willkommen. Aber es gibt schon aus verschiedenen Richtungen dann mal ein bisschen Gegenwind. Manche Menschen sind halt auch einfach unwissend. Also die kommen dann irgendwie, sind noch nie damit in Berührung bekommen. Und alles, was der Mensch erstmal nicht kennt, das ist komisch. Davon nehme ich Abstand. Und ist das jetzt wirklich so das Wahre? Aber wenn man dann versucht, da in den Austausch oder in den Dialog zu gehen, dann kann man da manchmal schon ein, zwei Sachen aufklären.
Inge:
Als ich Kind war, waren ja viele dieser Bezeichnungen, so zum Beispiel queer, intergeschlechtlich oder asexuell, noch in keinem Munde. Meine Wahrnehmung ist, dass so circa eineinhalb Generationen später so eine enorme Offenheit und auch ein gewisses Selbstverständnis für all diese Menschen in unserer Gesellschaft da ist. Ist das eine verzerrte oder eine einseitige Wahrnehmung oder ist das auch Teil der Realität? Wie schätzt du das ein?
Kaddy:
Also ich würde tatsächlich behaupten, dass das so ein bisschen mit dem Feminismus zusammenhängt. Also es gab ja, jetzt muss ich echt lügen, das habe ich nicht mehr so ganz in meinem Kopf, gab es eine Welle im Feminismus, die dann so ein bisschen intersektional geworden ist, wo dann queere Menschen, besonders auch lesbische* Personen, mit in den Kampf gezogen sind und versucht haben, ganz viel Sichtbarkeit zu schaffen. Und damit entstand schon ein großer Wandel und natürlich auch die sozialen Medien. Soziale Medien schaffen Sichtbarkeit. Viele Menschen sehen, hey, okay, da sind noch andere Menschen, denen geht es irgendwie ähnlich wie mir. Und wenn die das erzählen, dann kann ich das auch erzählen. Und so schaukelt sich das dann immer alles irgendwie weiter nach oben. Oder auch das Fernsehen. Das Fernsehen wird dann ja auch ab und zu mal ein bisschen vielfältiger und dann sieht man auch doch nochmal die eine oder andere Sache, wo man sich so denkt, ah cool, wir sind divers, wir sind vielfältig, alles gehört dazu und alles ist normal.
Inge:
Engagiert für Lübeck FM. Vereine, Institutionen, Gruppen, Kollektive, Clubs, Gemeinschaften, Verbände und Communities in und um Lübeck. Zurück bei Engagiert. Katrin hat es ja schon erwähnt, es ist alles total normal und Katrin war bestimmt auch mit einer der Ersten, die Julius begegnet ist im Jugendhaus Kaltenkirchen. Oder war Julius vor dir da?
Kaddy:
Julius war vor mir da.
Inge:
Okay, Julius. Hallo Julius, jetzt holen wir dich mal ans Mikrofon. Mich interessiert auch bei dir, was war denn Weg, wie du zum Jugendhaus Kaltenkirchen gestoßen bist?
Julius:
Das war ganz lustig. Ich habe eine ehemalige Mitarbeiterin auf der Straße getroffen, die wohnt bei mir um die Ecke und die meinte, komm nochmal einen Tag vorbei. Das war so während der Corona-Zeit 2020, 2021 und dann bin ich da vorbeigekommen. Dann wurde ich ganz offen und ganz herzlich empfangen. Schön. Und seitdem bin ich eigentlich regelmäßig jeden Tag da.
Inge:
Und das heißt, du bist nicht nur Gast oder Besucher. Ich habe den Eindruck, du bringst dich auch in irgendwelche Aktivitäten wahrscheinlich sehr engagiert ein. Magst du darüber mal ein bisschen erzählen?
Julius:
Ja, sehr viel. Also ich helfe bei Kaddy sehr viel im Queer-Treff. Ich mache die Konzerte beim Aufbau. Ich helfe beim Abbau. Die Kasse habe ich jetzt zuletzt beim letzten Konzert gemacht.
Inge:
Solche jungen Menschen brauchen wir.
Julius:
Ja, auf jeden Fall. Sonst bin ich halt immer da, wenn es um Entscheidungen geht. Ob wir jetzt einen blauen oder einen grünen Schrank kriegen. Irgendwie sowas in die Richtung.
Inge:
Wie hast du die Zeit? Bist du Schüler? Du bist in der Ausbildung? Wo kann ich dich jetzt verorten? Vom Werdegang her.
Julius:
Ich mache gerade eine Ausbildung zum sozialpädagogischen Assistenten.
Inge:
Darf ich dich fragen, wo du dich in dieser Buchstabenreihe, die ich einfach nicht so gut aussprechen kann, wo du dich dort einordnest?
Julius:
Ich bin in einem biologisch weiblichen Körper geboren und identifiziere mich als Mann.
Inge:
Was für einen Weg hast du hinter dir, wenn ich das Fragen darf? Du darfst auch gerne sagen, möchte ich nicht drüber reden.
Julius:
Ja, die Lieblingsfrage ist ja immer wann hat man das gemerkt? Ich würde sagen, schon in der Kindheit fällt das auf, im Kindergartenalter. Da merkt man schon, dass man anders ist, dass etwas anders ist, aber man hat dazu keinen Namen, bis man älter wird und dann soziale Medien, wie Kaddi auch schon meinte, dann einprägen. Dann war das so, ich hatte nie wirklich lange Haare. Ich habe nie Röcke oder Kleider getragen und dann gab es eine Phase bei mir, wo das anders wurde. Ich habe mir meine Haare lang wachsen lassen. Ich habe wieder versucht, so pinke Sachen, Kleider, Röcke, obwohl ich es total scheiße fand. Bis hin zu dem Tag, wo ich mich angefangen habe zu informieren und dann immer weiter da reingerutscht bin. Ich identifiziere mich immer weiter damit und eigentlich geht es mir überhaupt nicht gut mit langen Haaren, mit so Mädchensachen, sage ich jetzt mal. Dann habe ich sehr lange gebraucht, um mich selber zu finden, bis ich mich dann bei meinen Freunden geoutet habe und dann irgendwann bei meinen Eltern. Jetzt bin ich gerade auf dem Weg, dass ich männliche Hormone kriege, also Ersatzhormone. Ich hatte letztes Jahr meine Namen- und Personenstandsänderung durch das neue Gleichgestellungsgesetz.
Inge:
Toll. Das sind, glaube ich, Meilensteine, die ganz, ganz wichtig sind für deine Ich-Werdung. Auf jeden Fall. Ganz doll danke für deine Offenheit, für dein Vertrauen.
Mir kommen ein bisschen die Tränen mit, weil ich auch einen Fall kenne, wo er auch so sagte, das merkst du als ganz kleines Kind, wo andere dir noch nicht mal zutrauen, dass du deine Empfindungen überhaupt einordnen kannst. Das finde ich so bemerkenswert und das ist zu verteufeln, dass man diese Wege nicht von Anfang an zulässt und begleitet, weil ich glaube, damit wird ganz viel Leid auch erzeugt, indem man meint, man muss in irgendwelche Richtungen, auch wenn du sagst, lange Haare, scheiß pinke Klamotten. Man macht es ja irgendwie vielleicht auch, um irgendwo dazuzugehören. Das geht nie gut und das, finde ich, müssen wir von klein auf an unterbinden. Jede*r soll sich sein. Und du nanntest eben das Wort Reinrutschen und ich habe sofort gedacht, das ist kein Reinrutschen, das ist immer dichter zu dir selbst kommen, das Reinrutschen. Und das finde ich toll, dass du da hingekommen bist und ich hoffe, dass du da tolle Unterstützung hattest von Familie und Freunden. Das würde ich mir wünschen.
Julius:
Hatte ich. Und kriege ich auch immer noch.
Inge:
Kriegst du immer noch. Ja, perfekt. Ganz toll, danke dafür schon mal.
Julius, das Angebot des Queer-Treffs wird auf der Tausendfüßler Homepage als Safe Space, also sicherer Raum beschrieben. Hast du auch die Erfahrung gemacht, dass ein sicherer Raum, dass es den geben muss für queere Menschen?
Julius:
Ja, auf jeden Fall. Tagtäglich werden diese Menschen auf der Straße angefeindet, im Alltag, in der Schule, überall. Und es ist einfach unheimlich wichtig, dass die Menschen einen Ort haben, wo sie hingehen können und offen reden können. Oder wenn sie nicht reden möchten, ist das auch okay. Und da sind sie einfach da. Sie sind von Menschen umgeben, die sie akzeptieren, die genau wissen, was in ihnen vorgeht.
Inge:
Ich hatte so ein bisschen die Hoffnung, dass das ein Begriff ist aus einer Zeit von vor fünf oder zehn Jahren und dass das eigentlich immer selbstverständlicher wird. Einmal ganz plump gefragt, ist die Tatsache, dass wir einfach auch viel mehr Menschen aus anderen Nationen haben. Ich finde es toll, dass sie da sind. Das möchte ich nebenbei noch einmal erwähnen. Aber ist das auch ein Problem vielleicht, weil wir ja auch wissen, dass manche Menschen aus anderen Nationen, anderen Sozialisierung noch mal ein ganz anderes Verständnis haben von Mann sein, Frau sein. Befeuert das eventuell diesen Bedarf nach sicheren Räumen?
Julius:
Ich finde, das hat damit nichts zu tun. Das hat, wenn mit fehlender Aufklärung was zu tun. Wenn diese Menschen in die Schule gehen, das ist ein großer Anfang der Aufklärung. Es wird halt nur nicht gemacht. Und dadurch entstehen halt eben Unsicherheiten. Und dabei ist es egal, welche Herkunft. Es ist einfach fehlende Aufklärung, die zu Unsicherheit führt und dann eben auch auf weiteres Handeln.
Inge:
Das ist schön zu hören, dass es völlig nationenunabhängig ist. Du hattest eben schon gesagt, deiner Meinung nach ist es diese fehlende Aufklärung, dass Ablehnung dadurch entsteht. Was können wir dagegen tun? Ganz praktisch.
Julius:
Deswegen bin ich hier. Ich bin, wenn Menschen Fragen haben, dann bin ich sehr offen und erkläre ihnen meinen Weg. Ich erziele davon, wenn die Fragen zu irgendwelchen Operationen haben oder zu den Hormonersatztherapien oder so, dann bin ich da sehr offen, weil ich finde, das ist mein Teil der Aufklärung, um diese Unsicherheiten ein bisschen zu nehmen. Und sonst bei uns im Jugendhaus, im Queer Treff, da können die Leute auch eigentlich mal reinschauen und gucken und sich aufklären lassen.
Inge:
Was können wir als Eltern machen? Was können wir als Lehrer machen? Was können wir als Leiter von Sportvereinen machen, um Ängste zu nehmen.
Kaddy:
Also ich würde sagen, die Zauberwörter sind Aufklärung und Sensibilisierung. Julius hat schon gut gesagt, wir müssen immer irgendwie versuchen aufzuklären. Den goldenen Weg gibt es nicht. Es gibt die Menschen, die irgendwie auf Sturm schalten, wenn sie damit überflutet werden, die sagen, schon wieder irgendwo eine Regenbogenfahne, gar keine Lust drauf und dann machen sie zu. Also da muss man irgendwie einen Weg finden, der so der goldene Mittelweg ist, wo man dann sagt, okay, damit kann ich alle erreichen. Man muss sich von dem Gedanken trennen, dass man alle erreichen kann, weil das ist schlichtweg unmöglich.
Was aber, glaube ich, schon helfen würde, ist, wenn man einfach ältere Generationen mal mit an die Hand nimmt und sagt, Geschlechterrollen gibt es und gab es, aber wir dürfen sie aufbrechen, weil jeder Mensch ist anders und individuell und nur weil ich ein Mädchen bin, habe ich nicht mehr Puppen zu spielen. Also da darf man dann gerne, wenn man das irgendwie in seinem Umfeld mitkriegt, immer mal so ein bisschen unterschwellig mal was einfließen lassen und dann kann man nur hoffen, dass man das Denken der anderen irgendwie nicht beeinflusst, aber dass man da vielleicht mal einen kleinen Denkanstoß gibt, dass man vielleicht einfach mal überlegt, anders zu handeln oder auch andere Dinge seinem Kind mitzugeben. Also es gibt heutzutage auch ganz ganz viele tolle Kinderbücher, die Diversität und alles ausstrahlen oder beschreiben, die gerne in jedes Kinderzimmer gehören.
Ronja:
Ich glaube, dass das auch einfach ein Prozess ist, also dass man auch die Aufklärung in der Schule, die muss verändert werden und wenn man da nicht die Lehrkräfte hat, die sagen, wir wollen auch in alle Richtungen aufklären, dann fehlt halt was und das ist dann da, wo wir ansetzen. Aber ich glaube, dass einfach diese Entwicklung kommen muss, dass das schon im Kindergartenalter losgeht oder schon mit dem Buch, wie Kaddi eben gesagt hat, dass das schon im Kleinkinderalter ganz normal ist. Das schaffen wir aber nur, wenn wir halt auch die Eltern und die Großeltern und alle, die dazugehören, halt erreichen. Aber ich glaube, dass das einfach ein Prozess ist, der jetzt weitergehen muss und wir konstant die Fahne hochhalten müssen und sagen, wir stehen dazu und wir ebnen den Weg und versuchen, so viele Menschen wie möglich mitzunehmen. Aber halt auch, so wie Kaddi gesagt hat, zu akzeptieren. Es gibt einfach Menschen, die damit nicht fein sind und das ist okay, solange sie die Menschen so akzeptieren, wie sie sind.
Also es muss keiner genauso denken, aber die Akzeptanz muss da sein. Und das ist auch etwas, was bei uns im Haus ganz wichtig ist. Jede*r darf seine Meinung haben und wir müssen auch gar nicht immer der gleichen Meinung sein, aber jede*r muss so akzeptiert werden. Und ein friedvolles Miteinander. Genau und das ist uns einfach wichtig. Und ich glaube, wenn wir so durch die Welt gehen, dann machen wir sie ein kleines bisschen besser.
Inge:
Julius, ist deine Erfahrung auch in der Schule gewesen, dass das eigentlich überhaupt kein Thema war? Oder das ist ja noch nicht allzu lange her, dass du die Schule besucht hast. Wie war das da bei euch?
Julius:
Ich habe nicht immer gute Erfahrungen gemacht, gerade auf der weiterführenden Schule oder in der ersten Ausbildung. Das waren zwei schwierige Zeiten, aber seitdem ich auf dem BBZ bin, geht es mir sehr gut. Ich fühle mich super wohl in der Klasse mit den Lehrer*innen. Als ich meine Ausbildung angefangen hatte, hatte ich noch nicht meine Namens- und Personenstandsänderungen und das wurde geklärt, dass mein Zeugnis auf dem Namen geändert wird, dass das bei ISF geändert wird. Und das war sehr schön, da mal richtig anzukommen, von allen akzeptiert zu werden und einfach mal als Mensch gesehen zu werden und nicht nur als du bist trans* und du warst mal ein Mädchen.
Kaddy:
Also es ist ja sogar wissenschaftlich bewiesen, dass wir mehr Geschlechter haben als nur männlich und weiblich durch die Zusammensetzung von Hormonen und Chromosomen. Also es würde jetzt hier so ein bisschen den Rahmen sprengen. Aber es ist ja einfach, ein System in zwei Geschlechter einzuteilen. Es hat ja einfach alles mit der Bürokratie zu tun, dass man alles möglichst simpel macht. Also allein, wenn man sich die Toilettensituation anguckt. Okay, wir haben zwei unterschiedliche Toiletten und wenn man jetzt überlegt, wir bräuchten noch die Toiletten, wie bräuchten noch die Toiletten, also wie groß soll denn dann so ein Flughafen werden, wenn alle irgendwie ihre eigene Toilette haben wollen, so überspitzt gesagt. Also es ist einfach nur dazu da, um das System einfach zu halten.
Infobox:
Infobox 2 von 2. Im Laufe unseres Gespräches oder auch in der ersten Infobox sind Begriffe gefallen, die wir gern noch einmal aufgreifen und erklären wollen. Heteronormativ ist, wenn zum Beispiel die Gesellschaft ausschließlich die Geschlechter Mann und Frau anerkennt und auch ausschließlich die Beziehungen zwischen Mann und Frau als normal oder gar ideal benennt. Binäre Geschlechterkategorie heißt im Grunde etwas sehr Gleiches.
Binär steht hier für das lateinische bini, was so viel bedeutet wie paarweise oder zu zweit. Somit geht ein binäres System von zwei Geschlechtern aus und schließt alle anderen Menschen aus, die sich weder als Mann noch als Frau identifizieren. Pansexuell sind Menschen, die sich unabhängig von Geschlecht oder Geschlechtsidentität zu jemandem hingezogen fühlen.
Der Fokus liegt hier auf Persönlichkeit und Charakter, nicht auf eine Geschlechtskategorie. Pansexualität ist somit eine sexuelle Orientierung, die über die binären Vorstellungen von Geschlecht hinausgeht und die Liebe und Anziehung zu Menschen als Ganzes ermöglicht, unabhängig von Geschlecht oder Geschlechtsidentität. Intergeschlechtlich ist ein Mensch, in dem sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale vereint sind.
Auch fiel der Begriff der Flinta*-Toilette im Jugendhaus Kaltenkirchen. Was verbirgt sich dahinter? Flinta*-Toiletten sollen einen sicheren und geschützten Raum für Personen schaffen, die sich in binären Toiletten oft unsicher oder unwohl fühlen.
Flinta* F-L-I-N-T-A* ist auch eine Aneinanderreihung von Buchstaben also ein Akronym, bei dem jeder Buchstabe für eine Menschengruppe steht. F z. B für Frauen*, L für lesbische Personen, I für intergeschlechtliche Menschen, N für nicht-binäre Menschen, T für trans*Menschen und a für agender (geschlechtslos).
Inge:
Zurück bei Engagiert. Ich habe heute drei Personen aus dem Jugendhaus Kaltenkirchen bei mir. Ronja Sommer, Katrin Schiller und Julius Hümpel. Mich interessiert – in Naher Zukunft – was steht an im Jugendhaus – zum Queer-Treff. Gibt es da irgendwelche Partys die regelmäßig stattfinden. Wie kann ich mir so einen Queer-Treff vorstellen.
Kaddy:
Also den Queer Treff kann man sich mittlerweile so vorstellen, dass wir mittlerweile tatsächlich mittwochs abends das ganze Jugendhaus für uns haben. Das heißt wir kochen und backen, zwischendurch mal was, wir haben eine Playstation, ganz viele Bastelwägen gibt es, manchmal lass ich mir auch irgendwas einfallen, wie Jutebeutel bemalen oder sowas Ähnliches. Genau, aber man kann einfach vorbeikommen. Man kann einfach chillen, man kann auch einfach für sich allein sein. Egal ob du schon weißt, dass du queer bist, du schon geoutet bist oder nicht, oder einfach mal gucken möchtest. Ein Ally bist – also, ob du queere Menschen einfach supportest. Die Menschen sind alle willkommen. Wir hatten dieses Jahr eine Queer Party und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir nächstes Jahr auch wieder eine machen. Die wurde ziemlich gut angenommen, aber ansonsten haben wir bisher noch nicht so viel geplant, weil jetzt das alte Jahr erstmal zu Ende geht.
Inge:
Den Queer-Treff gibt es ja auch noch nicht allzu lange?
Ronja:
Also so richtig gestartet ist der zu Ende des Jahres 2023. Also ab Sommer 2023 gab es den Zusammenschluss von den Jugendlichen und dann ging das quasi so richtig los. Ich würde sagen seit Anfang 2024. Und Kaddy kam dazu im Juni 2024. Oder Juli irgendwie so. Seit dem ist das ein bisschen gewachsen, weil Kaddy hat halt auch am Anfang nur ein paar Stunden bei uns gehabt, dann eine halbe Stelle und jetzt seit Dezember 2024 eine volle Stelle. Und seitdem kann sie halt auch vielmehr Zeit investieren. Vorher waren das halt immer nur die 2 oder 3 Stunden. Was dann mit der Aufklärungsarbeit auch echt viel ist. Also was wir nächstes Jahr auf jeden Fall machen auf den Queer Treff bezogen, ist wie Kaddy schon gesagt hat. Es wird wieder eine queere Party geben. Vielleicht auch, das haben wir in diesem Jahr gemacht. Das steht noch nicht 100 % fest. Wieder eine Lesung in Kooperation mit der Stadtbücherei, da hat eine Drag Queen gelesen. Ein Kinder Buch und ein Jugendbuch und im Anschluss daran war dann unsere Party im Haus. Losgelöst vom Queer Treff haben wir für nächstes Jahr auf jeden Fall das ein oder andere Konzert geplant, es soll einen Musik Contest in Kooperation mit dem Most Wanted Festival in Kaltenkirchen geben. Und wir werden federführend bei dem Stadtfest Kaltenkirchen vertreten sein und die Jugendbühne an den Start bringen.
Inge:
Das Angebot des Jugendhauses ist aber nicht ausschließlich für Jugendliche und junge Erwachsene aus Kaltenkirchen, oder doch?
Ronja:
Also der Fokus liegt darauf, aber wir haben natürlich auch aus den umliegenden Dörfern Jugendliche, die das Haus besuchen. Wir arbeiten seit diesem Jahr auch eng mit der offenen Ganztagsschule zusammen für die Nachwuchsförderung, dass wir auch die so ein bisschen abfangen, weil auch die fallen, so ein bisschen hinten über, leider, hier in Kaltenkirchen. Also wir versuchen auch das ein oder andere Angebot auch für jüngere zu schaffen. Genau, dann machen wir mittwochs z. B unser Wildnisprojekt, aber es fehlt noch ein bisschen was für Jüngere und das hat finde ich, hat Kaddy auch gut gemerkt, als sie noch im Hort gearbeitet hat. Auch da gibt es schon queere Kinder, die fallen leider hinten so ein bisschen über. Aber wir haben halt auch nicht so die Kapazitäten.
Inge:
Da wäre die nächste Frage. Personell wie seid ihr da aufgestellt im Jugendhaus?
Ronja:
Also wir sind, wenn man mich rausrechnet. Also ich habe auch eine Vollzeitstelle, aber ich mache ja auch alles organisatorisches drum herum. Haben wir zwei Vollzeitkräfte, eine dreiviertel Kraft sozusagen und eine halbe Stelle und einen FSJler.
Inge:
Ok. Und Ehrenamt?
Ronja:
Wir haben einen ehemals Jugendlichen, der freitags ein zweites Fußballangebot macht in der Sporthalle abends. Der früher quasi selbst Besucher war. Montags immer mit zum Fußball geht und gesagt hat, wir brauchen noch ein zweites sportliches Fußballangebot. Der mach das ehrenamtlich. Unterstützt werden wir natürlich von engagierten Jugendlichen – Julius allen voran. Aber wir haben auch für unsere Konzerte und Events eine Gruppe von Jugendlichen die das ehrenamtlich machen zum Großteil.
Inge:
Das heißt das Jugendhaus ist ein Ableger der Tausendfüßler Stiftung. Das heißt, wenn es Leute gibt, die sagen. Das Thema ist wichtig und ich möchte irgendwo mit Finanzen etwas fördern, etwas unterstützen, dann kann man diese Stiftung finanziell unterstützen und das wird bestimmt dankend entgegengenommen.
Ronja:
Total gerne. Also wir werden von städtischen Geldern finanziert, aber halt die Grundlagen. Also das, was wir brauchen für das alltägliche Geschehen. Dass wir, was zu Essen kochen können, dass wir mal kleinere Anschaffungen tätigen können, aber große Anschaffungen und bestimmte Dinge, die vielleicht ein bisschen spezieller sind die können wir uns nur leisten über Spenden. Und da freuen wir uns wirklich immer sehr. Wir nehmen auch gerne Sachspenden z. B. ausrangschierte Sofas. Sofas überleben bei uns maximal ein Jahr.
Inge:
Julius – Warum? *lachen*
Ronja:
Genau. Also wir freuen uns wirklich immer sehr, wenn an uns gedacht wird. Weil ich finde, dass was wir machen, ist unheimlich wichtig. Jugendarbeit ist superwichtig
Inge:
Nach der Musik will ich von euch nochmal hören was wünscht ihr euch für die Zukunft?
Inge:
Zurück bei Engagiert. Wir haben schon fast eine tolle Stunde hinter uns. Das Jugendhaus Kaltenkirchen ist heute vertreten mit Ronja Sommer, Katrin Schiller, Julius Hümpel. Ganz viel haben wir erfahren über den Queer Treff und ganz wichtige Dinge haben wir angesprochen. Jetzt – abschließend interessiert mich: Was würdet ihr euch denn wünschen für eure Zukunft, oder für die Zukunft des Jugendhauses? Wer mag beginnen?
Kaddy:
Ich nicht! *lachen*
Ronja:
Also ich würde sagen: Ich wünsche mir, dass wir weiterhin da sein dürfen. Das wir auch in den nächsten Jahren die Gelder von politischer Seite zur Verfügung gestellt bekommen. Das wir weiterhin die Anlaufstelle für Jugendliche, aber auch queere Jugendliche sein können. Ich wünsche mir, dass wir mehr engagierte Jugendliche wieder haben. Dass die Jugendarbeit auch von den Jugendlichen so geschätzt wird, dass sie Lust haben sich zu engagieren, uns zu unterstützen, Veranstaltungen und Dinge für die Jugend auf die Beine zu stellen. Ich wünsche mir vielleicht ein bisschen Veränderung von Seiten der Schule, dass wir da einen Fuß besser in die Tür bekommen und ich hoffe einfach, dass wir alle weiterhin da sind. Das wir im Team weiterhin so toll zusammenarbeiten.
Inge:
Julius, was ist dein Wunsch?
Julius:
Also ich wünsche mir mehr liebe und Akzeptanz, statt Hass.
Kaddy:
Und ich wünsche mir, mehr sichere Räume für queere Jugendliche auf dem Land, weil in den Städten gibt’s das schon oft. Also was heißt oft, aber vermehrt. Aber auf dem Land sind ganz viele Jugendliche noch ohne Anker und auch die haben es verdient einen sicheren Ort zu haben, an dem sie so sein dürfen, wie sie sind, auch wenn es zu Hause, in der Schule oder bei der Arbeit nicht so sicher ist und wo sie sich einfach verwirklichen können und sie selbst sein können.
Inge:
Und wenn ich jetzt einen Wunsch frei hätte, dann würde ich mir auch wünschen, dass wir keine sicheren Räume mehr bräuchten. Sondern dass die Welt ein sicherer Raum ist für jede*n. Ganz doll danke an euch drei, dass ihr euch heute auf den Weg gemacht habt, hier zu mir ins Studio und mir so bereitwillig, persönlich und ehrlich erzählt habt von eurem Jugendhaus, dem Queer Treff, von euch selbst! Ganz doll danke. Und ich wünsche euch alles alles Gute.
Ronja:
Danke, dass wir hier sein durften.
Inge:
Sehr gerne.










